Die mögliche Übernahme des Spezialchemiekonzerns Evonik durch BASF sorgt in Nordrhein-Westfalen für politischen Streit. Die SPD fordert eine Beteiligung des Landes, um die Eigenständigkeit des Unternehmens und Tausende Arbeitsplätze zu sichern. Die schwarz-grüne Landesregierung lehnt den vorgeschlagenen Staatseinstieg allerdings ab.
Während die Politik vor einem Stellenabbau warnt, könnte ein Zusammenschluss der beiden Chemiekonzerne auch wirtschaftliche Vorteile bieten.
BASF bietet mehr als zehn Milliarden Euro
Der Chemiekonzern BASF aus Ludwigshafen hat Interesse an einer Übernahme des Essener Spezialchemieherstellers Evonik bekundet. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters bot BASF zunächst rund 10,3 Milliarden Euro beziehungsweise 22,15 Euro je Evonik-Aktie.
Das Angebot wurde von Evonik als zu niedrig zurückgewiesen. Aus dem Umfeld von BASF verlautete anschließend, dass der Konzern bei entsprechenden Verhandlungen auch eine höhere Offerte erwägen könnte.
Ein verbindlicher Zusammenschluss ist damit noch nicht vereinbart. Offen bleibt insbesondere, ob sich beide Unternehmen über eine Bewertung und die Bedingungen einer möglichen Übernahme verständigen können.
Eine Schlüsselrolle spielt die RAG-Stiftung, die rund 43 bis 44 Prozent der Evonik-Aktien hält. Sie ist damit der mit Abstand größte Einzelaktionär und hat erheblichen Einfluss auf die weitere Entwicklung.
SPD schlägt Beteiligung des Landes vor
Die SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag will verhindern, dass Evonik seine Eigenständigkeit verliert. Dazu hat sie vorgeschlagen, eine staatliche Beteiligung zu prüfen.
Nach ihren Vorstellungen könnten das Land Nordrhein-Westfalen und die RAG-Stiftung gemeinsam eine Mehrheit von mehr als 50 Prozent an Evonik sichern. Der zusätzliche Anteilskauf könnte nach Berechnungen der Sozialdemokraten rund 800 Millionen Euro kosten.
Für die Finanzierung brachte die SPD die landeseigene NRW.Bank ins Gespräch.
SPD-Fraktionschef Jochen Ott sieht in Evonik einen bedeutenden Industriestandort für Nordrhein-Westfalen. Der Konzern beschäftigt allein in dem Bundesland mehr als 11.000 Menschen.
Die Sozialdemokraten befürchten, dass durch eine Übernahme Arbeitsplätze verloren gehen und wichtige Unternehmensfunktionen aus Nordrhein-Westfalen verlagert werden könnten.
Landesregierung lehnt Staatseinstieg ab
Die schwarz-grüne Landesregierung teilt zwar die Bedenken hinsichtlich möglicher Arbeitsplatzverluste, unterstützt aber nicht den vorgeschlagenen Einstieg des Landes.
Am 14. Oktober lehnte der nordrhein-westfälische Landtag einen entsprechenden Antrag der SPD ab. Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) sprach sich ausdrücklich gegen die Übernahme von Evonik durch BASF aus.
Eine staatliche Beteiligung sei jedoch keine automatische Garantie für den Erhalt der Beschäftigung, machte Neubaur deutlich.
Damit verfolgen Regierung und Opposition unterschiedliche Wege. Während die SPD über eine Beteiligung Einfluss auf Evonik gewinnen möchte, setzt die Landesregierung auf die bestehende Eigentümerstruktur und die Rolle der RAG-Stiftung.
Staatseinstieg wäre mit finanziellen Risiken verbunden
Eine Beteiligung des Landes könnte die Steuerzahler erheblich belasten. Bei einem geschätzten Kaufpreis von 800 Millionen Euro entspräche die Investition rechnerisch rund 44 Euro je Einwohner Nordrhein-Westfalens.
Allerdings wäre das Geld nicht unmittelbar verloren. Das Land würde dafür Aktien und damit einen Vermögenswert erhalten. Dessen künftige Entwicklung wäre jedoch von der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens und der Chemiebranche abhängig.
Sollte der Aktienkurs sinken, könnte auch der Wert der staatlichen Beteiligung zurückgehen. Hinzu kämen mögliche Folgekosten, etwa wenn zusätzliche Investitionen notwendig würden.
Umgekehrt könnte das Land von steigenden Aktienkursen und Dividenden profitieren. Ob sich ein solcher Einstieg wirtschaftlich rechnen würde, ließe sich deshalb erst langfristig beurteilen.
Entscheidend wäre zudem, ob eine staatliche Beteiligung tatsächlich ausreicht, um Arbeitsplätze und Standorte dauerhaft zu sichern.
BASF stellt Beschäftigungsgarantien in Aussicht
Die Sorge vor einem größeren Stellenabbau ist ein wesentlicher Grund für den politischen Widerstand. Bei Unternehmensfusionen entstehen wirtschaftliche Vorteile häufig dadurch, dass doppelte Strukturen in Verwaltung, Einkauf, Forschung oder Vertrieb zusammengelegt werden.
Solche Synergien können die Kosten senken, zugleich aber Arbeitsplätze gefährden.
BASF soll nach Reuters-Informationen bereit sein, bestehende Standort- und Beschäftigungsgarantien von Evonik bei einer Übernahme fortzuführen. Betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland wären demnach bis 2032 ausgeschlossen. Ein möglicher Stellenabbau müsste über freiwillige Vereinbarungen und Abfindungen erfolgen.
Eine offizielle Bestätigung dieser Zusagen durch BASF liegt allerdings nicht vor.
Auch die Gewerkschaft IG BCE fordert verbindliche Perspektiven für die Beschäftigten und Investitionszusagen für die deutschen Standorte.
Chemieindustrie kämpft mit hohen Kosten
Die Übernahmedebatte fällt in eine schwierige Phase für die deutsche Chemieindustrie. Hohe Energiepreise, schwache Nachfrage und zunehmender internationaler Wettbewerb belasten die Unternehmen.
Besonders problematisch sind die Energiekosten. Erdgas wird in der Chemieindustrie nicht nur zum Heizen und zur Stromerzeugung benötigt, sondern dient auch als wichtiger Rohstoff.
Nach Angaben des Verbands der Chemischen Industrie lagen die deutschen Erdgaspreise zuletzt deutlich über denen in den USA und China.
Die schwache Nachfrage belastet zusätzlich die Auslastung der Produktionsanlagen. Im zweiten Quartal 2026 lag diese nach Branchenangaben bei lediglich 73,2 Prozent.
Bereits 2025 war die Chemieproduktion in Deutschland um 3,3 Prozent zurückgegangen. Der Branchenumsatz sank um 3,8 Prozent.
Vor diesem Hintergrund stehen viele Unternehmen unter Druck, Kosten zu senken und ihre Produktionsstrukturen anzupassen. Auch Evonik verfolgt bereits unabhängig von den Übernahmeplänen ein umfangreiches Effizienzprogramm.
Zusammenschluss könnte Wettbewerbsfähigkeit stärken
Eine Übernahme durch BASF könnte zugleich die Position beider Unternehmen im internationalen Wettbewerb verändern.
BASF erzielte 2025 einen Umsatz von rund 60 Milliarden Euro, Evonik kam auf etwa 14 Milliarden Euro. Gemeinsam würden die Unternehmen einen der weltweit größten Chemiekonzerne bilden.
Auch die Geschäftsfelder könnten sich ergänzen. BASF ist breit in der Grund- und Spezialchemie aufgestellt, während Evonik stärker auf spezialisierte Produkte mit höheren Margen ausgerichtet ist.
Durch eine Zusammenführung könnten sich Vorteile beim Einkauf, in der Forschung, im Vertrieb und bei der Auslastung von Produktionsanlagen ergeben. Fixkosten ließen sich möglicherweise auf eine größere wirtschaftliche Basis verteilen.
Allerdings sind solche Vorteile nicht garantiert. Die Integration zweier großer Unternehmen verursacht zunächst selbst erhebliche Kosten. Zudem könnten Überschneidungen in einzelnen Geschäftsbereichen einen Stellenabbau begünstigen.
Zukunft der Standorte bleibt entscheidende Frage
Der mögliche Zusammenschluss verdeutlicht ein grundsätzliches Problem der deutschen Industriepolitik. Einerseits sollen Arbeitsplätze und Produktionsstandorte erhalten bleiben. Andererseits benötigen Unternehmen ausreichend Spielraum, um sich in einem zunehmend schwierigen internationalen Markt zu behaupten.
Ein Staatseinstieg könnte politischen Einfluss sichern, wäre aber mit finanziellen Risiken verbunden. Eine Übernahme durch BASF könnte wirtschaftliche Synergien ermöglichen, zugleich jedoch neue Unsicherheiten für Beschäftigte schaffen.
Für die weitere Entwicklung dürfte deshalb entscheidend sein, welche verbindlichen Zusagen mögliche Verhandlungspartner zu Arbeitsplätzen, Investitionen und Standorten machen.
Unabhängig von der Eigentümerstruktur bleibt die wirtschaftliche Situation der deutschen Chemieindustrie angespannt. Hohe Energiepreise, schwache Nachfrage und zunehmende Konkurrenz aus Asien werden die Unternehmen auch dann beschäftigen, wenn Evonik eigenständig bleibt.